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AR im Test – die ZOOM-App

Schulbücher – jeder kann sich noch gut daran erinnern, wenn der eigene Lehrer die Klasse mit einem energischen „Wir holen jetzt alle mal die Bücher raus und schlagen Seite 40 auf!“ bat, mal für kurze Zeit aus dem Stand-By-Modus in den Activity-Modus umzuschalten. Begleitet wurde diese Bitte meisten von einem allgemeinen Seufzer…

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Startbildschirm – Foto: Autorin

Heute gibt es Schulbücher, die bestimmt mehr Begeisterung bei den SchülerInnen hervorrufen. Gemeint sind die ersten augmentierten Schulbücher der Bildungshaus Schulbuchverlage GmbH, zu denen  Westermann, Schroedel, Diesterweg, Schöningh und Winklers gehören. Die Textbücher Camden Market 2 und 3, Camden Town 3 und Chemie heute SII (NRW) verfügen bereits über entsprechende Inhalte, Seydlitz Erdkunde (Niedersachsen) wird demnächst veröffentlicht.

Die App, die die Schulbücher zum Leben erweckt, ist die ZOOM-App. Sie ist sowohl für iOS als auch für Android verfügbar. Entwickelt wurde die App vom Erfurter Unternehmen KIDS interactive. Das Unternehmen hat mit seiner Entwicklung 2014 den Thüringer Innovationspreis gewonnen und schön beschrieben, kann dies hier nachgelesen werden.

Doch jetzt heißt es erst einmal: „Open the book at page…!“

Der Test

Popig-pink kommt der Startbildschirm (s. oben) daher. Sehr ansprechend! Als erstes werde ich aufgefordert weitere Inhalte herunterzuladen. WLAN wird mir dabei empfohlen. Gesagt getan. Schnell sind Inhalte gespeichert und es kann losgehen. Hoffentlich hat der Lehrer den  Unterricht dann auch  so gut vorbereitet, dass die Schüler sich die erforderlichen Inhalte bereits Zuhause heruntergeladen haben…

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„Modal verbs!“ – Foto: Autorin

Ein kleines Tutorial erklärt mir dann die Funktionsweise der App auf sieben Bildschirmen. Das Tutorial kann übrigens auch zwischendurch durch die Auswahl der „Hilfe“ im Hauptmenü angewählt und somit jederzeit angeschaut werden – praktisch!

Doch wo sind denn jetzt die kleinen Filme? Wahllos schlage ich die erste Doppelseite auf – nix. Beim Umblättern passiert es: Erst klickt es, dann erklärt mir eine Engländerin die Bildung des ersten „Modal Verbs“.  Im Anschluß kann ich mir dann noch Nummer 2 und 3 anhören (erkennbar an den drei Kästchen unter dem großen Bild). Das sind also Modalverben – sieh an! Ergänzt wird dieser Abschnitt noch um die Hörtexte, Lernwörter, den Tutor und einem Spickzettel (s. rechter Bildrand). Letzterer beinhaltet die deutsche Erklärung der Modalverben, der Tutor gibt nochmals die Inhalte der drei Kästchen wider.

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Film der ZOOM-App – Foto: Autorin

Doch nach den Filmen zu suchen macht keinen Spaß. Wie war das nochmal im Tutorial? Man konnte sich ja auch die ZOOM-Inhalte direkt anzeigen lassen…Jetzt also der umgekehrte Weg. Ich such direkt über die App nach den Inhalten. Und da ist auch schon ein Film.

In „Talking about festivals“ erzählen mehrere Kinder abwechselnd, welche Feste sie Zuhause feiern. „I like Easter, because I like chocolate!“ – na, dem werden sicherlich viele Kinder zustimmen… Der Film ist von der Spielzeit nicht zu lang und geht gut auf den zu behandelnden Stoff des 4. Kapitels „Celebrations“ – Basis Festivals ein.

Fazit

Schade, dass meine Tochter von der Klassenstufe in der das Buch benutzt wird, noch ein paar Jahre entfernt ist – so hätte ich gleich ein paar Tester der App samt Englischlehrerin befragen können. Die Kids werden die App sicherlich schnell begreifen und ausprobieren. Was mir besonders gefällt, ist die Verbindung von multimedialen Inhalten und dem reinen „Paukstoff“. Vokabeln, Grammatik werden zusätzlich zu kleinen Filmen nochmals in Schriftform erklärt und unterstützen so das bereits Gesehene und Gehörte. Die Inhalte werden schnell angezeigt, auch wenn das Smartphone mal nicht ganz so ruhig gehalten wird. Eine schöne und sinnvolle App!

Zum Abschluß noch ein kleiner Film, der zeigt, wie die App live funktioniert:

 

Ich schlag mein Buch auf…

…und – Abrakadabra – sehe mehr als nur Sätze und Bilder! AR ist nun auch im Verlagswesen angekommen und erweckt damit die Bücher zum Leben!

Erste Beispiele aus der Verlagswelt kamen aus dem Kinderbuchbereich, wie z.B. das Buch „Comprendre comment ca marche“ des französichen Verlags Éditions Nathan oder ein Buch über Dinosaurier, erschienen bei arsEdition. Für den Heyne-Verlag augmentierten Augmented Minds 2011 das Cover zu „Ayla und das Lied der Höhlen“.

Carlton Books aus England gibt seit 2010 Bücher mit AR-Inhalten heraus und listet nach Eingabe des Suchbegriffs „Augmented Reality“ derzeit zahlreiche Titel auf. Einige dieser Titel liegen auch auf deutsch beim Kosmos-Verlag vor, wie z.B. „iSpace“ und „iDinosaur“. Diese Bücher wurden im letzten Jahr auch hierzulande von Bibliotheken erworben und begeistert auf Facebook vorgestellt und diskutiert. Bemerkenswert ist allerdings, dass schnell der eigentliche Inhalt in den Hintergrund tritt und nur noch die animierten 3D-Inhalte von Interesse sind – dies auch bei sonst sehr buch-affinen Kindern.

Das „Wonderbook: Book of Spells“ für die PS3 aus dem Jahr 2012 widmet sich der zauberhaften Welt von Harry Potter und verbindet die Buch- mit der multimedialen Spielewelt. „It has to be seen, to be believed“ ist der markige Werbespruch von Sony dazu. J.K. Rowling hat ihr OK dazu gegeben, also bleibt zu hoffen, dass sich tatsächlich das Tor in eine magische Welt öffnet… Nachfolgend der Werbetrailer dazu.

Seit Herbst 2014 erscheinen in der LeYo!-Reihe des Carlsen-Verlages Bücher, die um zusätzliche Informationen erweitert wurden. Auf der Website wird dieses neue Konzept erklärt. Es werden bspw. Geschichten vorgelesen, es gibt eine Durchblick-Funktion und es gibt einen interaktiven Spielmodus.

Die Reihe wurde in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift „Eltern family“ erarbeitet.

Auch die Welt der Klassiker wie „Moby Dick“ und „Great Expectations“, beide erschienen bei Penguin Books, wurden mittels AR durch die in London ansässige Firma Zappar ebenfalls zum Leben erweckt:

Den Anfang im wissenschaftlichen Buchbereich machte im letzten Jahr die Emerald Group Publishing Ltd., die mit „Digital Humanities“ als erster wissenschaftlicher Verlag Inhalte ebenfalls anreicherten . Allerdings bleibt hier das Ergebnis klar hinter den Erwartungen zurück. Beim Scannen der AR-Bilder erschienen lediglich Interterviews – mehr leider nicht.

Umso erfreulicher ist das Nachziehen der Schulbuchverlage. „[…] das gedruckte Lehrwerk [wird] zum multimedialen Ereignis!“, so wirbt der Film auf der Website der Zoom-App für die Anreicherung des Englisch-Buches Camden-Maket aus dem Hause Diesterweg. Entwickelt wurde die dahinterstehende Technologie „App to look“ von KIDS interactive aus Erfurt, weitere Lehrwerke sind in Planung.

Es tut sich was! Endlich – möchte man meinen. Doch Skeptiker werden sofort mit dem erhobenem Zeigefinger darauf hinweisen, dass ein zuviel an Technik und mulitmedia-Inhalten nicht förderlich für das Lernen und Verstehen sei. Stimmt diese Befürchtung? Erinnert dies nicht ein wenig an die Diskussionen, die schon fast reflexartig geführt werden, sobald ein neues Medium auftaucht? Droht der eigentliche Inhalt wirklich im multimedialen Rauschen unterzugehen?

Vor Jahren erschien im Tagesspiegel ein Artikel, der, einfach zusammengefasst, die Aussage traf, dass Fernsehen die Schlauen schlauer mache und die Dummen dümmer. Und hier verhält sich bei AR, wie bei den meisten anderen Technologien und Medien, genauso. AR ist eine mächtige Technologie, die komplexe Zusammenhänge einfach darstellen kann. Sie ist jedoch, wie andere Technologien auch, ein Werkzeug. Es kommt jedoch darauf an, wie dieses Werkzeug genutzt wird. Ob wir es nutzen, um nur noch auf bunte Darstellungen zusammenhanglos herumzutippen oder um die bisherigen eindimensionalen, bildhaften Darstellungen zu veranschaulichen und so einen zusätzlichen Mehrwert zu gedruckten Inhalten für uns zu schaffen. Es liegt bei uns.